von Guy Deutscher
Dieses Buch hat es sich zur Aufgabe gemacht, herauszufinden, woher eigentlich Sprache kommt. Da dies mit wissenschaftlichen Methoden geschieht, kann der Autor leider nicht bis zu den allerersten Anfängen zurückforschen, aber im letzten Kapitel des Buches legt er sehr schön dar, wie sich aus einem Stadium, das er mit dem griffigen Namen “Ich Tarzan”-Stadium bezeichnet, moderne Sprachen in all ihrer Komplexität entwickeln konnten. Die vorhergehenden Kapitel dienen der Schaffung der methodischen Grundlagen. So untersuchen wir gemeinsam mit Deutscher wie unterschiedlich Sprachen aufgebaut sein können und unter welchen Bedingungen sie sich wie verändern. Dabei streut er immer wieder Beispiele aus sehr exotischen Sprachen ein, die einerseits die Vielfalt sprachlicher Strukturen aufzeigen, andererseits aber auch fast immer die inhärenten Gemeinsamkeiten aller menschlichen Sprachen zum Vorschein bringen. Zur Illustration hier zwei kleine Beispiele, die Deutscher bringt.
Die Sprache, um die es geht ist Jemez, eine nordamerikanische Sprache der Kiowa-Familie, gesprochen von ca. 2000 Menschen in der Nähe von Albuquerque, NM.
Hier gibt es eine Endung -sh, die an Substantive angehängt wird um ihren Numerus zu ändern.
tyó ein Mädchen tyósh (mehrere) Mädchen
séé ein Adler séésh (mehrere) Adler
wéhÅ³Ì ein Skelett wéhÅ³Ì Skelette
Wenn man diese drei Beispiele betrachtet, sieht es zuerst so aus als habe man es mit einer ganz normalen Pluralendung zu tun. Bei einer anderen Gruppe von Substantiven bewirkt dieselbe Endung allerdings etwas ganz anderes:
hhú mindestens drei Zedern hhúsh ein oder zwei Zedern
hwúúy’a mindestens drei Gräser hwúúy’ash ein oder zwei Gräser
káápœ mindestens drei Zelte káápœsh ein oder zwei Zelte
Diese seltsame Verhalten der Endung scheint die Sprecher des Jemez verwirrt zu haben und so haben sie sich zum Ausgleich eine dritte Klasse von Substantiven gesucht, die sich beim Anhängen von -sh noch einmal anders verhält, und zwar so:
pá eine oder wenigstens drei Blumen pásh zwei Blumen
dééde ein oder mindestens drei Hemden déédesh zwei Hemden
géésu ein oder mindestens drei Käse géésush zwei Käse
An einer anderen Stelle erläutert Deutscher ausführlich das Verbalsystem der semitischen Sprachen, die keine kontinuierlichen Verbstämme haben, so wie wir sie kennen. Vielmehr besteht der Stamm aus einer Reihe von Konsonanten (in der Regel drei). Die verschiedenen Tempora, Aspekte usw. werden jeweils durch eine Schablone repräsentiert, die Leerstellen für die Konsonanten des Stamms hat. So sieht die dritte Person Präsens im Arabischen so aus ya〇〇a〇u; und die dritte Person Präteritum so 〇a〇i〇a. Dies kann erstaunliche Effekte erzielen. Wir, die wir fest daran gewöhnt sind, daß der Stamm eine Einheit bildet, müssen selbst, wenn wir um dieses Muster des Arabischen wissen, dreimal hingucken um zu erkennen, daß z.B. die drei Wörter “SalÄm”, “Islam” und “Muslim” alle denselben Stamm haben, nämlich s-l-m.
Mit diesem Buch ist es Deutscher gelungen, ein populärwissenschaftliches Buch über Linguistik vorzulegen, das gleichzeitig die ungeheure Faszination der Struktur von Sprache(n) vermittelt und auch dem Uneingeweihten relativ leicht zugänglich ist. Ganz großes Kino. 9/10